Stefan Wilke: „Die Welt mit schlauen Lösungen überraschen“

Stefan Wilke ist Geschäftsführer der MindTags Group GmbH und hat mit einem mobilen Informations- und Leitsystem im letzten Jahr den Hilfsmittelwettbewerb des Deutschen Taubblindenwerks gewonnen. Im Interview erklärt er, was hinter dem Erfolg steckt und warum es mit der Inklusion in Deutschland nur schleppend vorangeht.

Sie haben letztes Jahr mit MindTags den Hilfsmittelwettbewerb des Deutschen Taubblindenwerks gewonnen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Eigentlich gar nicht. Wir haben auf der SightCity die Rückmeldung erhalten, dass MindTags wie die Faust aufs zum Wettbewerb Auge passt. Dann haben wir die Perspektive von Menschen mit Taubblindheit eingenommen und lediglich die Inhalte für die Zielgruppe aufbereitet.

Wie kommt es, dass Sie für das große Bedürfnis von Menschen mit doppelter Sinnesbehinderung nach Orientierung so eine überzeugende Lösung gefunden haben?

Als Selbstbetroffener habe ich immer darauf geachtet, dass es keine Insellösungen gibt. Wir haben mit MindTags ein innovatives System, das Informationen und Wegbeschreibungen in allen Formaten und Sprachen zur Verfügung stellt und somit für alle Menschen nutzbar ist. Die reinen Textinformationen können über die Braillezeile ausgelesen werden und sind somit für Menschen mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung zugänglich.

Benötigt wird lediglich ein Handy mit Bluetooth-Funktion. Dafür bekommt der Nutzer maximale Selbstständigkeit, um sich im Gebäude zurechtzufinden und an alle Informationen zu gelangen. Zudem kann er diese auch mit Hause nehmen, denn das Herunterladen und Bearbeiten ist mit MindTags möglich. Die Einrichtung, die MindTags installiert, kann selbstständig jederzeit die Informationen und Wege aktualisieren. Es entstehen in Zukunft lediglich Lizenzkosten, damit das System auch nach jedem Update noch reibungslos funktioniert. Wird es umfänglich genutzt und auf gedruckte Informationen verzichtet, ergibt sich eine nicht unerhebliche Kostenreduzierung.

Der Unterschied ist, wir haben schon immer breiter gedacht. Diese Haltung habe ich ganz bestimmt von meiner Mutter übernommen. Wie sie habe ich eine Augenerkrankung. Als ich mit sieben Jahren in die Schule kam, hat sie gesagt: „Schau, was du brauchst und kümmere dich darum“. Aus dieser Zeit stammt auch unser Motto: „Wie es geht, interessiert uns nicht, ob es geht“.

Wie inklusiv ist Deutschland?

Die Gesetzeslage an möglichen Unterstützungsangeboten ist hervorragend und bietet alles, was man braucht. Das ist ein hohes Gut und ein großer Unterschied zu Ländern wie beispielsweise Österreich. Was mich sehr stört, ist die Diskussion über Inklusion und die ständige Kosten-Aufwand-Rechnung. Damit sind immer wir Menschen mit einer Behinderung das Problem. Aber ist dem so?

Ich denke nein, denn wir sind die Lösung mit vielen Synergien. Wenn ich die Rahmenbedingungen kenne und diese entsprechend umsetze, ist Teilhabe Normalität und Mehrkosten kann ich ebenfalls nicht erkennen. Also der Schlüssel liegt in einer guten Planung.

Nehmen Sie das Beispiel als wir bei Ihnen am Tisch saßen und der Taubblindenjury unser System vorgestellt haben. Wir haben nur die Technik erklärt und dann haben alle sofort losgelegt, gelesen, sich unterhalten und sogar angefangen zu flirten.

Viele Unternehmen suchen dringend nach Mitarbeitern. Immer noch gibt es Vorbehalte, Arbeitskräfte mit Behinderung zu beschäftigen. Wie inklusiv ist der Arbeitsmarkt?

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiter, die Spezialisierung nimmt zu und es ergeben sich neue Möglichkeiten. So sind Menschen mit Autismus-Störung heute gefragte Fachkräfte. Insgesamt ist der Arbeitsmarkt aber noch zu unflexibel. Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau und das am besten umsonst. Da stoßen wir Menschen mit Behinderungen selbst bei optimaler Planung an unsere Grenzen. Denn es ist keinem Unternehmer zuzumuten, sechs Monate in Vorleistung zu gehen, damit die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter arbeitsfähig ist. Solange dauert es in der Regel, bis alle notwendigen Hilfsmittel und Unterstützungsangebote bewilligt sind. Das ist mittlerweile besser geworden.

Wir investieren viel Geld in Beratungsstellen. Was aber fehlt, sind umfangreiche Unterstützungsangebote sowohl im Rahmen der Beantragung als auch in der Beschaffung von Arbeitsmitteln.

Ich denke, wir müssen auch in Haltung investieren. Damit meine ich auch jeden Einzelnen, insbesondere wir selber als Menschen mit einer Behinderung. Denn nur, wenn wir gut und stabil damit klarkommen und uns in erster Linie auf uns verlassen, um Lösungen zu kreieren, ist es einfacher, auch andere zu begeistern.

Also charmant in der Sprache und hart in der Sache die Welt mit schlauen Lösungen überraschen. Wer dann immer noch nicht überzeigt ist, will auch keine Teilhabe und ist auch an unseren Kompetenzen nicht interessiert.

Sie haben eine erfolgreiche App entwickelt, die jetzt auch auf der Fanmeile zur Fußball Europameisterschaft in Köln eingesetzt wird. Was raten Sie Menschen, die auch eine tolle Idee haben, aber kein Geld?

Wichtig ist, die vorhandenen Systeme zu nutzen. Es ist ja alles da, liegt vor uns. Wir brauchen keine Insellösungen, sondern müssen die Dinge nur noch richtig an den Schnittstellen zusammenstellen.

Sind die Systeme nicht anschlussfähig, dann müssen sie an die Entwickler herantreten und Weiterentwicklungen fordern. Manchmal muss man auch charmant nerven. Außerdem gibt es eine Menge Fördertöpfe und es ist wichtig, die Kunst der Netzwerke zu beherrschen.

Wie schätzen Sie die Zukunft für Menschen mit Taubblindheit ein?

Ich denke, es ist alles vorhanden. Wenn Menschen wirklich wollen und gut ausgebildet sind, also moderne Technik beherrschen und über richtig gute Sprachkenntnisse verfügen, also auch sicher und schnell sich mit der Braillezeile verständigen können, dann geht auch was.

Anne Prechtel
Fundraising
Telefon: 0511 51 00 8-8612
E-Mail: a.prechtel@taubblindenwerk.de