Bufdi Viktoria: Die Welt mit anderen Augen sehen

FISCHBECK, 17. Juli 2020 - "Ich heiße Viktoria und habe meinen Bundesfreiwilligendienst im 'Landhof' des Deutschen Taubblindenwerks in Fischbeck gemacht. Dieser Bereich liegt von der Haupteinrichtung 'Unser Dorf' etwa zehn Minuten Fußweg entfernt. Im 'Landhof' habe ich über das Jahr hinweg den Tagesablauf der dort lebenden taubblinden und hörsehbehinderten Menschen in allen Lebensbereichen kennen gelernt und begleitet.

In unserer Gruppe L1/2 wohnen acht erwachsene Bewohner, die unterschiedlich blind, gehörlos und hörsehbehindert sind. Durch den wechselnden Früh-, Spät- und Wochenenddienst habe ich alles, was am Tag so anfällt und passiert, bestens mitbekommen. Dazu zählt unter anderem der Start in den Tag mit dem Aufstehen und der täglichen Körperhygiene. Unterstützt habe ich auch bei den Mahlzeiten wie zum Beispiel beim Brötchen vorbereiten, Mittagessen oder beim Kaffeetrinken. Die Freizeitangebote und Aktionen wie das therapeutische Reiten in der eigenen Reithalle und das Kochen und Backen mit den Bewohnern habe ich ebenfalls begleitet.

Bei Ausflügen und Freizeitaktivitäten, die wir zusammen unternommen haben, war ich immer dabei. Wir sind zum Beispiel in die Therme gefahren oder haben das Bewegungsbecken der Einrichtung genutzt, sind zusammen einkaufen gegangen, haben auf dem Gelände Blumen gepflanzt und oft auch gegrillt und zusammen gekocht. Ausgedehnte Spaziergänge durch den Ort oder ins Grüne haben wir regelmäßig unternommen.

Einige Bewohner arbeiten in der eigenen Werkstatt und Gärtnerei - auch da war ich dabei. Dort werden zum Beispiel industrielle Kleinteile montiert und verpackt, k-lumet® Grill- und Feueranzünder hergestellt und Papiersortierarbeiten verrichtet. Im Werkstattladen werden die hergestellten Geschenk- und Dekorationsartikel verkauft.

Die Kommunikation mit und unter den Bewohnern erfolgt, je nach Beeinträchtigung, auf eine andere Art und Weise, da zum Beispiel ein von Geburt an taubblinder Mensch natürlich nicht über Lautsprache kommunizieren kann. Kommunikationsformen, die ich neben der Lautsprache täglich genutzt habe, waren das Gebärden, das Lormen und das Spellen. Die Gebärdensprache habe ich mir im Alltag und in Fortbildungen schnell angeeignet. Das Spellen funktioniert ähnlich wie das Lormen – mit dem Unterschied, dass die einzelnen Buchstaben mit der eigenen Hand geformt werden und der Bewohner diese visuell wahrnimmt bzw. sie ertastet.

Damit sich unser Gruppenteam von acht Mitarbeitern gut miteinander austauschen kann, gab es regelmäßig Dienstbesprechungen, an denen ich auch teilgenommen habe. Zu den Besprechungen haben wir uns alle versammelt und über wichtige Themen wie anstehende Ausflüge oder besondere Vorkommnisse im Alltag gesprochen.

Bei allen Aktivitäten sollen die Bewohner möglichst eigenständig und selbstbestimmt leben. Oft neigt man dazu, ihnen unter die Arme greifen zu wollen, aber sie können oft viel mehr als man vielleicht erwartet. Ziel ist es also, den Menschen, die hier leben und arbeiten, ein ihren individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten entsprechendes selbstbestimmtes, sinnvolles und zufriedenes Leben zu ermöglichen.

Nun ist dieses Jahr um und ich habe in dieser Zeit sehr viel erlebt. Rückblickend kann ich sagen, dass ich am Anfang noch sehr unsicher und zurückhaltend war und nicht so richtig wusste, wie ich mit taubblinden und hörsehbehinderten Menschen umgehen sollte. Ich habe viele neue berufliche, aber auch persönliche Erfahrungen gesammelt und die Welt mit anderen Augen gesehen. Das liegt nicht nur an dem wunderbaren Team von Mitarbeitern, die mich jeden Tag super angeleitet und begleitet haben, sondern auch an den tollen Bewohnern des Deutschen Taubblindenwerks."

Viktoria