
Reinhard Schlenk / Peter Schulz / Bettina Trissia
Die Verfasser des Artikels sind als Lehrer im Bildungszentrum für Taublinde (BzTb) in Hannover tätig. Das Bildungszentrum für Taubblinde ist eine Bundesländer übergreifende Einrichtung und beinhaltet hauptsächlich eine staatlich anerkannte Förderschule in freier Trägerschaft. Träger des Bildungszentrums ist das Deutsche Taublindenwerk, eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) mit den Gesellschaftern Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen e.V., Hannover, Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V., Bonn und Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Gesamtverband e.V., Frankfurt.
Die Arbeit mit hörsehbehinderten und taubblinden Menschen umfasst Kompetenzen in folgenden Förderschwerpunkten: Hören, Sehen, geistige Entwicklung und körperliche Entwicklung.
Ebenso wenig wie die Taublindheit sich aus der Addition von Gehörlosigkeit und Blindheit ergibt, ergibt sich aus dem Zusammenfügen oben aufgeführter Förderschwerpunkte die Fachrichtung Taubblindenpädagogik. Kernkompetenz und zentraler Förderschwerpunkt in der Taublindenpädagogik ist die Kommunikationsentwicklung. Zu diesem Themenkomplex haben sich nationale und internationale Arbeitskreise gebildet, in denen Mitarbeiter aus allen Einrichtungen für hörsehbehinderte und taubblinde Menschen ein Forum für Meinungs- und Erfahrungsaustausch finden. In der AGTB Arbeitsgemeinschaft der Einrichtungen und Dienste für taubblinde Menschen sind folgende Einrichtungen und Träger für die Arbeit und Dienstleistung für hörsehbehinderte und taubblinde Menschen zusammengefasst:
Taubblindheit ist eine Behinderung eigener Art, die sich nicht aus der Addition von Taubheit und Blindheit ergibt.
Unter Hörsehbehinderung und Taubblindheit ist eine Behinderung zu verstehen, die ausgeht von einer Schädigung sowohl des Sehens als auch des Hörens. Da beide Fernsinne geschädigt sind, können die Ausfälle des einen Sinnes nicht oder nur mangelhaft durch den jeweils anderen Sinn kompensiert werden. Deshalb treten häufig bereits bei relativ geringen Einzelschädigungen schwere Beeinträchtigungen der Gesamtentwicklung auf. Hörsehbehinderung und Taubblindheit kann mit jeder anderen Schädigung beziehungsweise Behinderung auftreten.
Auf besondere pädagogische Hilfen angewiesen sind:
Pädagogischer Förderung bedürfen außerdem:
Neben dem oben genannten Personenkreis erhalten durch das Bildungszentrum für Taubblinde Hannover Unterstützung und Beratung:
Seit Gründung des Bildungszentrums für Taublinde im Jahre 1969 unterliegt der dort geförderte Personenkreis einem Wandel. Vor allem in den 70er/80er Jahren setzte sich die Schülerschaft überwiegend aus Schülern mit Taublindheit durch Rötelninfektionen zusammen. Heute ist die Rötelnembryopathie durch den vergrößerten Impfdurchsatz in der Bevölkerung fast verschwunden. Ins Zentrum der taublindenpädagogischen Förderung sind frühgeborene Kinder und Kinder mit seltenen Syndromen gerückt.
Immer häufiger finden wir in den letzten Jahren bei hörsehbehinderten oder taubblinden Kindern die Diagnose CHARGE-Syndrom vor. Es handelt sich um eine Erbgutschädigung, deren Ursache noch erforscht werden muss. Viele dieser Kinder haben eine kombinierte Hör- und Sehschädigung in unterschiedlichster Ausprägung; zusätzlich können die folgende Bereiche betroffen sein: C Colobome, H Herzprobleme, A Atresie (Choanen), R Retardierung, G Genitalbereich, E Ear (Ohren), verbunden mit weiteren weniger typischen Auffälligkeiten. Viele dieser Kinder benötigen die Unterstützung durch Taubblindenpädagogen, damit sie ihr Entwicklungspotenzial entfalten können.
So ergibt sich für den Schulbereich unserer Einrichtung derzeit folgende Statistik:
Ursachen von Taubblindheit und Hörsehbehinderung
(Stand November 2005 im Bildungszentrum für Taubblinde Hannover)
| Rötelnembryopathie | 6 | Kinder |
| CHARGE-Syndrom | 5 | Kinder |
| Usher-Sindrom | 3 | Kinder |
| frühgeborene Kinder | 20 | Kinder |
| unbekannte Ursache | 16 | Kinder |
| Klein-Wardenber-Syndrom/Frühkindlicher Autismus | 1 | Kind |
| Möbius-Syndrom | 1 | Kind |
| Pierre-Robin-Syndrom | 2 | Kinder |
| Johanson-Blizzard-Syndrom | 1 | Kind |
| Hallström (Hallgren)-Syndrom | 1 | Kind |
| EEC-Syndrom | 1 | Kind |
| Noonan-Syndrom | 1 | Kind |
| CAMFAK-Syndrom | 1 | Kind |
| Monosomie 21 | 1 | Kind |
| Trisomie 13 | 2 | Kinder |
| Trisomie 21 | 1 | Kind |
| Partielle Trisomie 13/Cri-Du-Chat-Syndrom | 1 | Kind |
| Chromosomenanomalie | 4 | Kinder |
| X-ALD (X-Chromosomale Adrenoleukodystrophie) | 1 | Kind |
| Mucopolysacharidose Typ 3/San Filipo | 1 | Kind |
| Neuromyopathie | 2 | Kinder |
| Encephalitis | 1 | Kind |
| Fruchwasservergiftugn | 3 | Kinder |
| Hirnblutung (bei Geburt) | 2 | Kinder |
| perinataler Sauerstoffmangel | 1 | Kind |
| Zytomegalieinfektion | 1 | Kind |
| Meningitis | 1 | Kind |
| Virusinfektion | 1 | Kind |
| Schwangerschaftsdiabetis | 1 | Kind |
| Verdacht Impfschaden | 1 | Kind |
| Unfall | 1 | Kind |
Nicht nur der Personenkreis hat sich gewandelt, auch die Blickrichtung in der Hinwendung zu bestimmten Syndromen und deren Fördermöglichkeiten. So ist das Usher-Syndrom erst ab den 80er Jahren und das CHARGE-Syndrom erst ab den 90er Jahren in den Fokus der pädagogischen Förderung gelangt. Beim Usher-Syndrom führt neben der angeborenen Hörstörung die Augenerkrankung mit progressivem Verlauf (Retinitis pigmentosa hat schwindendes Sehvermögen zur Folge) zu einer stark veränderten Lebenssituation. Die zumeist im Gehörlosenbereich erlernten Kommunikationsmittel (z.B. DeutscheGebärdenSprache) können visuell nicht mehr hinreichend genutzt werden. In diesen Fällen müssen neue Kommunikationsmittel erlernt werden (z.B. Lormen, taktiles Gebärden, Braille).
Leben und Lernen gehören bei der Förderung hörsehbehinderter oder taubblinder Kinder untrennbar zusammen. Die Internatsschule im Bildungszentrum für Taublinde Hannover ist ein Beispiel, das diesem Ansatz folgt. Ein Team, bestehend aus einem Taubblindenlehrer und vier bis sechs Erziehern, ist für die Erziehung und die schulische Förderung der Schüler einer Gruppe zuständig. Hierdurch entsteht eine Verknüpfung zwischen Schule und Heim. Die pädagogische Leitung der Gruppe liegt in der Verantwortung von Taubblindenlehrern, die in einem Aufbaustudium der Sonderpädagogik in den Bereichen Blinden- und Gehörlosenpädagogik eine spezielle Ausbildung erfahren haben. Die Mitarbeiter im Erziehungsdienst sind Erzieher, Heilpädagogen und Heilerziehungspfleger, denen zu Beginn ihrer Tätigkeit Einführungs- und Gebärdenkurse angeboten werden und deren fachlichspezifische Kompetenz in Fortbildungen regelmäßig erweitert wird.
Vier bis sechs Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters leben und lernen in jeweils einer Gruppe und werden dort in ihrer Lebensumgebung beschult. In der Regel muss die Vermittlung von Inhalten im Einzelunterricht erfolgen. Fachunterrichte wie Sport, Schwimmen, Rhythmik, Töpfern, Textilarbeit und Werken werden vorwiegend in Leistungsgruppen angeboten.
Taubblindheit oder Hörsehbehinderung beeinträchtigen und erschweren die Interaktion und somit die Entwicklung kommunikativer Kompetenz erheblich:
Die Hörbehinderung verursacht massive Beeinträchtigungen in der lautsprachlichen Entwicklung, die die Grundlage für eine natürliche und intakte Kommunikation mit anderen hörenden Menschen bildet. Die Auswirkungen auf die sozial-emotionale Entwicklung sind schwerwiegend.
Blindheit oder Sehbehinderung verursachen schon in frühester Kindheit Störungen in der sozialen Ausrichtung zwischen Kommunikationspartnern. Die Mimik des anderen wird vom Kind nicht oder undeutlich wahrgenommen. Es fehlen ihm Anhaltspunkte für Stimmungen oder Gefühle des Partners normalerweise Auslöser für Verhalten und die Möglichkeit, den Effekt des eigenen Verhaltens zu überprüfen. Freude bei der Mutter ermuntert ein Kind weiterzumachen, mimisch ausgedrücktes Missbehagen oder Nichtbeachtung verändern das Verhalten. Über diese Affektabstimmung werden erste Moralvorstellungen und Verhaltensregeln erlernt. Besonders schwerwiegend ist die Tatsache, dass Blickrichtungen, Körperwendungen und Zeigegesten nicht als Hinweis für eine gemeinsame Aufmerksamkeitsausrichtung genutzt werden können. Ein wesentlicher Aspekt von Kommunikation, das Teilen von Empfindungen und Erfahrungen, hat aber hier seine Grundlage.
Miteinander geteilte Aufmerksamkeit bedeutet, dass beide Gesprächspartner ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf eine Handlung, ein Objekt, ein Thema lenken. Das Teilen von Empfindungen und Erfahrungen wird möglich.
Besonders das Imitieren der Handlungen des Kindes bei seinem Spielen eröffnet Situationen, in denen wechselseitige und geteilte Aufmerksamkeit stattfinden kann.
In der Entwicklung hörsehbehinderter und geburtstaubblinder Kinder besteht die Gefahr, dass der Erwachsene das Kind durch seine Aktivität dominiert, es passiv wird und sich in seine eigene Welt zurückzieht.
Um die kommunikative Kompetenz des taubblinden oder hörsehbehinderten Kindes zu fördern, müssen Nähe und Verfügbarkeit des Partners gewährleistet sein. Insbesondere sollen der taktile und der vibratorische Kanal gezielt in die Interaktion einbezogen werden, denn oft stehen diese zunächst als einzig verlässliche Sinnesmodalitäten zur Verfügung.
Von wesentlicher Bedeutung ist, Signale des Kindes wahrzunehmen und verstehen zu lernen. Auf diese reagiert der Erwachsene, indem er die kindliche Äußerung aufgreift und damit einen Dialog initiiert, in dem darüber verhandelt werden kann, ob beide Gesprächspartner dasselbe meinen. So wird von Anfang an das dialogische Prinzip in der Kommunikationsentwicklung betont.
Durch diesen wechselseitigen Prozess entsteht ein gemeinsam genutztes Vokabular zunächst aus Berührungen, Gesten und Bewegungen oder Lauten , das miteinander erweitert wird und als Verständigungsgrundlage dient.
Die Förderung von Interaktionsmustern, bei denen die sozial gerichtete Aufmerksamkeit und das Teilen von Empfindungen und Erfahrungen erlebt werden können, bildet die Grundlage für den Erwerb umfassender kommunikativer Kompetenz. Dabei erlebt sich das Kind als aktiver Partner im Dialog mit anderen.
Aus Körperbewegungen können sich hinweisende Gesten und später Gebärden entwickeln, aus Lauten möglicherweise gesprochene Wörter. Hier beginnt der intentionale Akt der Sprachentwicklung, bei dem ein Kommunikationssystem entwickelt wird.
Grundsätzlich stehen unterschiedliche Kommunikationssysteme für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen zur Verfügung, die sie nutzen können. Die Kombination der Behinderungen und der kognitiven Leistungsfähigkeit bedingt deren Auswahl und Einsatzmöglichkeiten: Körpersprache, Bezugsobjekte, Bilder, Piktogramme, Schrift, Handalphabete, Gebärden und Lautsprache.
Die Verwendung von Bezugsobjekten und die Anwendung taktiler Gebärden sind spezielle Kommunikationsformen, die Anwendung in Einrichtungen für Hörsehbehinderte und Taubblinde finden. Bezugsobjekte sind Objekte, denen eine bestimmte Bedeutung zugewiesen wurde. In der Literatur sind sie auch unter dem Begriff Referenzobjekte zu finden. Sie stehen repräsentativ für eine Person, eine Aktivität oder eine Situation. Bezugsobjekte bahnen eine Möglichkeit symbolischer Ausdrucksfähigkeit an.
Am Anfang der Sprachentwicklung hörsehbehinderter und taubblinder Kinder steht oft ein stark auf die Fähigkeiten des Kindes abgestimmtes individuelles System an Gesten, gemeinsam ausgeführten Handlungen und Bewegungen bis hin zum Einsatz individueller Gebärden. Die weitere Entwicklung des Kindes gibt Anhaltspunkte dafür, in welchem Umfang Gebärden als allgemein verbindliches Kommunikationssystem erfolgreich eingesetzt werden können.
Bei ausreichendem Sehvermögen kann Gebärdensprache visuell vermittelt werden. Ist das Sehvermögen jedoch nicht ausreichend, kann auf die Form des taktilen Gebärdens zurückgegriffen werden:
Geführte Gebärden: Die Gebärden werden mit den Händen des Kindes an seinem Körper ausgeführt. Dies birgt die Gefahr in sich, dass das Kind passiv bleibt. Auch wird nicht deutlich, wer Sprecher („ich“) und wer Hörer („du“) ist.
Gebärden, ausgeführt in der Monologposition: Das Kind wird angehalten, die Gebärden beim Partner abzufühlen, eigene Gebärden jedoch frei oder unter den Händen des Partners auszuführen. Wechselseitige Gesprächsformen bedingen dann einen Handwechsel, was zum Abbruch des Gesprächs führen kann. Vorteil ist die recht einfache, in Unterstützungen durch den Gesprächspartner eingebundene motorische Handhabbarkeit.
Gebärden, ausgeführt in der Dialogposition: Jeder der Kommunikationspartner benutzt eine Hand als aktiv gebärdende, die andere als verstehende Hand. Bei der Ausführung von Beidhandgebärden muss dann die Partnerhand mit benutzt werden. Bei dieser Form ist ein schneller Sprecher-Hörer-Wechsel möglich. Wichtig ist in jedem Fall die Beachtung der Rechts/Links-Händigkeit und der Bewegungsrichtungen.
Hörsehbehinderte und taubblinde Kinder können bei frühzeitiger optimaler Hörgeräteversorgung bzw. Cochlea-Implantation hören lernen und Lautsprache erwerben.
Durch gezielte Hörspracherziehung ist es möglich, Lautsprache anzubahnen. Dieses erfolgt durch kontinuierliche Versprachlichung der Handlungen und Ereignisse im Tagesablauf des Kindes, wobei die Sprechrolle des Kindes zu Anfang vom Erwachsenen mit eingenommen werden sollte. Zusätzlich wird in der Einzelförderung Artikulationsunterricht angeboten. Dabei können manuelle Zeichensysteme zur Sprachunterstützung zum Einsatz kommen.
Neben Gebärden- und Lautsprache werden in der Kommunikation zwischen oder mit hörsehbehinderten oder taubblinden Menschen auch Fingeralphabete als Zeichensysteme eingesetzt:
Das Lormen ist ein in die Hand „geschriebenes“ Alphabet, bei dem bestimmte Zeichen an bestimmten Stellen der Handinnenfläche verschiedene Einzelbuchstaben des Alphabets repräsentieren.
Die Grafik zeigt die Verteilung der Buchstaben des Alphabets
entsprechend ihrer Tastanordnung auf der Handfläche an. Sie sind im Verhältnis der Häufigkeit der Buchstaben in der deutschen Sprache und der raschen Erreichbarkeit angeordnet. Das Lormen ist für schriftsprachkompetente Menschen schnell erlernbar. Als Kommunikationssystem mit dem nicht buchstabenkompetenten Kind scheidet es jedoch aus, die Verarbeitung stellt sehr hohe kognitive Anforderungen. In Einzelfällen hat das Angebot auch als natives Sprachsystem zum Erfolg geführt. Als Kommunikationssystem für spät erblindete Gehörlose oder bei spät erworbener Taubblindheit wird es darüber hinaus erfolgreich eingesetzt.
Beim Fingeralphabet werden die Buchstaben der Schriftsprache durch verschiedene Handformen wiedergegeben. Die Aneinanderreihung dieser Handformen ergibt ein visuell oder taktil wahrnehmbares Zeichensystem.
Bilder können Abbildungen von Objekten, Handlungen und Situationen sein. Zunächst werden Gegenstände möglichst originalgetreu abgebildet. Blinden Kindern werden Tastbilder angeboten. Ist erkennbar, dass das Kind Bild und Gegenstand einander zuordnen kann, werden Abbildungen in Form und Größe variiert, um eine Generalisierung einzuleiten. Ist die Abstraktionsfähigkeit so weit entwickelt, dass Handlungen und Situationen abgebildet werden können, lässt sich mit mehreren Bildern ein zeitlicher Ablauf darstellen und Bildsequenzen können komplexeres Handlungsgeschehen widerspiegeln. Das Kind kann die Darstellung so lange und wiederholt anschauen, bis es deren Informationsgehalt erfasst hat. Kombiniert mit Schriftzeichen ermöglichen Bilder, eine Verbindung zwischen dem Bild und seinem schriftlich dargestellten Inhalt herzustellen.
In der Arbeit mit taubblinden Kindern werden auch Piktogramme eingesetzt, um den Weg vom Bild zur Schrift zu erleichtern. Diese Darstellungen werden auf das Sehvermögen des Kindes abgestimmt und gegebenenfalls auch als Reliefs tastbar angeboten.
Das Erlernen der Schriftsprache setzt Grundlagen im Spracherwerb voraus und unterliegt hohen kognitiven Anforderungen.
Hörsehbehinderte Kinder mit ausreichendem Sehvermögen lernen das Lesen und Schreiben von Schwarzschrift unter Einsatz individuell angepasster Sehhilfen oder Hilfsmittel in einer angemessen gestalteten Sehumgebung. Eine Voraussetzung ist die Fähigkeit, graphische Formen zu erkennen, zu unterscheiden, wiederzuerkennen und nachvollziehen zu können.
Schüler, deren Sehvermögen für das Erlernen von Schwarzschrift nicht ausreicht, wird die Brailleschrift angeboten. Voraussetzung ist, dass die unterschiedlichen Punktkombinationen innerhalb des 6-Punkte-Braillesystems oder des 8-Punkte-Computerbraillesystems erfasst, unterschieden und interpretiert werden können.
Angebote in der Frühförderung
Taubblind geborene Kinder und deren Angehörige benötigen vom frühest möglichen Zeitpunkt fachspezifische Hilfen. Das Bildungszentrum für Taubblinde Hannover bietet in mehreren Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland Eltern, Kindergärten und Tagesstätten, allgemeinen Frühförderstellen sowie den Frühförderstellen der Gehörlosen- und Blindeneinrichtungen und bereits tätigen Therapeuten behinderungsspezifische Hilfen an.
Die Frühförderung unserer Einrichtung schließt das Kindergartenalter ein und umfasst auch schulvorbereitende Maßnahmen, die in der Regel bis zur Einschulung gewährt werden.
Schwerpunkte dieser Arbeit sind
Angebote in Schule und Werkstufe
Der schulische Unterricht orientiert sich grundsätzlich an den Erziehungs- und Unterrichtszielen der allgemeinen Bildungseinrichtungen. Schwerpunkte der Arbeit sind eine intensive Förderung der auditiven und der visuellen Wahrnehmung, der Aufbau geeigneter Kommunikationssysteme, die Entwicklung des Sozialverhaltens und die Vermittlung von Umwelterfahrungen sowie die Schulung der für eine eigenständige Lebensführung notwendigen Fertigkeiten.
Ausgangspunkt aller pädagogischen Bemühungen ist die Berücksichtigung der diagnostischen Befunde. Die Lernziele, Lerninhalte, Unterrichtsverfahren und Unterrichtsmedien sowie die Lernkontrollen werden den besonderen Lernbedingungen des einzelnen hörsehbehinderten oder taubblinden Schülers angepasst und bilden die Grundlage für einen individuellen Förderplan. Die am Lernprozess orientierte Beobachtung und Analyse stellt sicher, dass die Förderung dem jeweiligen Entwicklungsstand folgt.
Der Bereich Allgemein bildender Unterricht berücksichtigt insbesondere die Lernfelder Kommunikation, Sozialverhalten und Eigenversorgung. Sie bilden die Grundlage für den weiteren Unterricht und eröffnen den Zugang zum Erwerb von Sachwissen.
Zur Entwicklung der Kommunikation werden unter Berücksichtigung der individuellen Fähigkeiten geeignete Kommunikationssysteme vermittelt. Sie bedürfen während der gesamten Schulzeit ständig der Erweiterung und Differenzierung.
Die Förderung im lebenspraktischen Bereich zielt auf eine möglichst selbstständige Lebensführung der hörsehbehinderten oder taubblinden Menschen. Sie lernen, sich in ihrer Umgebung zu orientieren, sich weitgehend selbst zu versorgen und technische Hilfsmittel zu nutzen.
Durch Förderung des Sozialverhaltens wird der behinderungsbedingten Isolation entgegengewirkt. Hörsehbehinderte oder taubblinde Schüler lernen, die Dinge ihrer Umwelt wahrzunehmen, Ichbewusstsein zu entwickeln und sich als Teil einer Gemeinschaft zu erfahren. Ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Sie lernen Normen zu beachten und Wertvorstellungen anzunehmen. Ihnen wird die Ausführung von Aufgaben übertragen, wobei sie in zunehmendem Maße Verantwortung übernehmen.
Im Bildungszentrum für Taubblinde Hannover sieht das Schulangebot neben dem allgemeinen Unterrichtsangebot in der Werkstufe die Förderung in der Lehrwerkstatt vor. Hier liegt der Schwerpunkt in der Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten für ein späteres Arbeitsleben. Die Lehrwerkstatt versucht zunächst in einer Erprobungsphase Fähigkeiten, Vorlieben, Abneigungen und Leistungsmöglichkeiten zu ermitteln.
Die Inhalte orientieren sich an blindenhandwerklichen Tätigkeiten und an Arbeiten, die in Werkstätten für behinderte Menschen ausgeführt werden. Dazu gehören Sortier- und Verpackungsarbeiten, industrieähnliche Arbeitsabläufe, handwerkliche und kreative Gestaltungsarbeiten. Die erleichtert den Arbeitseintritt in einer Werkstatt für behinderte Menschen.
In Abstimmung mit Eltern oder gesetzlichen Betreuern findet die Vorbereitung auf die Bedingungen nach der Schulzeit statt. Möglichkeiten und Hilfen für die Freizeitgestaltung, Anregungen und Verfahren zum Aufbau und für den Erhalt sozialer Kontakte sowie Strategien für die Lebensbewältigung werden vermittelt. Außerdem sieht es das Bildungszentrum für Taubblinde Hannover als seine Aufgabe an, hörsehbehinderten und taubblinden Jugendlichen in Zusammenarbeit mit den Eltern oder Betreuern behilflich zu sein, eine geeignete Wohn- und Arbeitsmöglichkeit zu finden und sie auf die neuen Gegebenheiten vorzubereiten.
Angebote für Erwachsene in der Rehabilitation
Das Bildungszentrum für Taublinde Hannover bietet Personen, die nach Ablauf ihrer Schulpflicht hörsehbehindert oder taublind werden oder von Taubblindheit bedroht sind, eine taubblindenspezifische Rehabilitation an. Die Mitarbeiter dieser Abteilung sind behilflich bei der Arbeitsplatzberatung, bei Arbeitserprobungen, der Arbeitsplatzfindung, bei Überleitungen an den Arbeitsplatz und bei der Beratung bezüglich dessen behindertengerechten Ausstattung.
Neben Beratungen am Arbeitsplatz und in den Familien werden im Bildungszentrum für Taubblinde Hannover stationäre Rehabilitationsmaßnahmen und Erprobungen durchgeführt:
Anbote für Erwachsene im Wohnbereich
Die unterschiedlichen Ausgangslagen taubblinder Erwachsener bedingen ein differenziertes Angebot von Wohn- und Lebensmöglichkeiten. Entsprechend der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Bewohner werden fachkompetente Begleitung, Anleitung und Assistenz, die notwendige Unterstützung, Hilfestellung oder Förderung, um eine weitgehende Selbstständigkeit zu erhalten, bereitgestellt. Auf dieser Grundlage halten die Mitglieder der AGTB ein den Betreuungsbedürfnissen des Einzelnen angemessenes Angebot bereit. Teilweise sind Werkstätten für behinderte Menschen angeschlossen, wie im Wohnheim für Taubblinde und mehrfachbehinderte Blinde in Fischbeck; Landkreis Hameln-Pyrmont oder in der Blindeninstitutsstiftung in Würzburg.
Das vorgestellte Konzept, die sich daraus ergebenden Förderziele und die darauf aufbauenden Förderprogramme sind in der Regel nur in einer individuellen Betreuung mit entsprechend hohem Personalaufwand und qualifiziertem Fachpersonal zu realisieren.
Integrative Bestrebungen stehen oft im Gegensatz zu den Erfordernissen des hörsehbehinderten oder taubblinden Menschen.
Der Wert des Angebots für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen erweist sich tagtäglich in den Einrichtungen, die spezielle Leistungen bezogen auf das ganze Leben dieser Klientel anbieten können. Insbesondere die Verknüpfung von Leben und Lernen kann nur in einer entsprechend gestalteten Umgebung realisiert werden.
Allerdings unterliegt diese Umgebung einer stetigen Entwicklung und die pädagogische Praxis hat sich mit den im Wandel befindlichen Gegebenheiten auseinander zu setzen.
Literatur
Schulprogramm des Bildungszentrums für Taubblinde, Hannover 2005