Literatur

TAKTILES GEBÄRDEN

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Herausgegeben vom Arbeitskreis "Kommunikation mit hörsehbehinderten und taubblinden Menschen" der Taubblindeneinrichtungen in Halberstadt, Hannover, Fischbeck, München, Tensbüttel und Würzburg, Dezember 2005

Hörgeschädigte Menschen können sich auch bei hochgradiger Sehbehinderung oder völliger Blindheit mit Hilfe von Gesten und Gebärden verständigen, wenn sie ihren taktil - kinästhetischen Sinn - also Bewegung und Berührung - zu Hilfe nehmen: Im Handkontakt können blinde und taubblinde Menschen sich mit ihren Partnern mit Hilfe von Gesten und Gebärden austauschen.

Im gängigen Sprachgebrauch findet sich meist nur der Begriff "taktil", um diese spezielle Form der Gebärdenübermittlung zu beschreiben: man spricht dann vom "Taktilen Gebärden" oder von der "Taktilen Gebärdensprache", wenn ein eigenes grammatikalisches Regelwerk vorhanden ist.

Der Austausch von taktil übertragenen Gebärden wird oft auch als "Vierhandgebärden" bezeichnet, weil sich hierbei meist alle vier Hände der Partner berühren (z.B. bei der Übermittlung von Gebärden, zu deren Ausführung zwei Hände gebraucht werden, wie bei  "Haus", "Auto", "radeln" etc.). Deutsche Gebärdendolmetscher verwenden auch den Ausdruck "Gefühltes Gebärden".

Mit allen diesen Begriffen wird lediglich auf den Berührungskontakt verwiesen, durch den die Übertragung der Gebärden auch bei Blindheit möglich wird; eine genauere Beschreibung der Art und Weise des wechselseitigen Gebärden-Austausches ergibt sich daraus noch nicht.

Das Thema im Rückblick:

Durch die in der BRD lautsprachlich orientierte Schulbildung hatten hörgeschädigte Menschen früher nur eher inoffiziellen Zugang zu Gebärden; bei einer Erblindung z.B. aufgrund des Usher-Syndroms wurden sie auf das mit der Schriftsprache kongruente "Lormen" (Buchstabenalphabet von Hieronymus Lorm) verwiesen. (Wie in vielen anderen Ländern wird traditionell in Potsdam, der "Wiege der Taubblindenbildung in Deutschland", anstatt dessen "gefingert" oder "daktyliert", d.h. das Fingeralphabet der Gehörlosen taktil übertragen). Vorhandene gebärdensprachliche Kompetenzen wurden vernachlässigt.

Bei hörsehbehindert oder taubblind geborenen Kindern wurden Gebärden nur als Mittel zur Symbolentwicklung und als Durchgangsstadium zur Entwicklung von Laut- und Schriftsprache betrachtet. Erst Mitte bis Ende der 90iger Jahre begann eine Auseinandersetzung mit der damals gängigen Praxis der Kommunikationsanbahnung.

Der selbst vom Usher-Syndrom betroffene taubblinde Peter Hepp setzte sich 1998 in einem Artikel in "Das Zeichen" sehr kritisch mit der Bedeutung der Taktilen Gebärdensprache in Deutschland auseinander, und stieß damit seinerseits eine Diskussion an, die zu wichtigen Veränderungen geführt hat.

Die Ergebnisse dieser Diskussionsprozesse sind sicherlich noch nicht endgültig; hier soll der derzeitige Stand unseres Wissens  dargestellt und gewertet werden.

Zur taktilen Gebärdensprache von Menschen mit erworbener Taubblindheit

Wenn sich Peter Hepp auf die Taktile Gebärdensprache bezieht, dann meint er hier wohl das "eigenständige komplexe Sprachsystem", das "natürlich", d.h. ohne systematische Instruktion an die nächste Generation weitergegeben wird (Vonen 2000, S. 276 ff). In Bezug auf taubblinde Menschen kann dies auf folgende Weise geschehen: Hörgeschädigte Kinder (meist mit dem Usher-Syndrom geboren) erlernen, noch sehend, die Gebärdensprache der Gehörlosen. Wenn - meist erst im Erwachsenenalter - Blindheit hinzutritt, übertragen sie ihr (erstes) Verständigungssystem so weit als möglich in die taktil-kinästhetische Modalität - sie verständigen sich weiterhin gebärdensprachlich, aber im Berührungskontakt:

Damit eine taubblinde Person mit ihren Händen fühlen kann, was eine andere Person mit ihren Händen macht, muss sie ihre Hände auf die ihres Partners legen und dessen Bewegungen mit vollziehen. Und so ist es auch beim Zuhören mit den Händen. Der Sprecher, der die Zuhörerhände auf seinen Handrücken trägt, sollte darauf vertrauen, dass die Hände des Partners seinen Händen folgen und sie nicht verkrampft festhalten. Evtl. kann er  mit den Daumen die Fingerkuppen des Partners leicht berühren und damit die Verbindung sichern. Die amerikanische Taubblindenpädagogin Barbara Miles (2000) hat uns dazu sehr hilfreiche Gedanken zur Verfügung gestellt, auch auf Deutsch abrufbar (vgl.  Literaturliste).

Johanna Mesch aus Schweden hat die so entstandene Verständigung genauer untersucht und beschrieben (2001). Sie zeichnete Gesprächssituationen taubblinder Menschen auf und untersuchte sie im Hinblick auf Veränderungen, die aufgrund  der Wahrnehmungsbesonderheiten notwendig geworden waren. Dabei fand sie folgende Formen:

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Die Monologposition (Gebärden unter der Hand des Partners mit Handwechsel beim Sprecher-Hörerwechsel):

Diese Position wird häufig dann gewählt, wenn eine längere Erzählung erwartet wird bzw. wenn ein Dolmetscher seinem taubblinden Zuhörer etwas erklärt, beschreibt oder übersetzt. Dabei liegen beide Hände des jeweiligen Zuhörers auf denen des Sprechers, und bei einer Veränderung der Sprecher-Hörer-Relation wechseln alle Hände ihre Position.

Die Dialogposition (Gebärden ohne Handwechsel mit Sprecher- und Hörerhand):

Dabei nehmen eine Sprecher- und eine Hörerhand unterschiedliche Positionen ein: die Sprecherhand liegt unter der Hörerhand des Partners, die Hörerhand auf dessen Sprecherhand. Diese Form ist bei einem häufigen Sprecher-Hörer-Wechsel sinnvoll, z.B. bei einer Diskussion, weil beim Wechsel keine Veränderung der Handpositionen notwendig ist, und weil man schneller fühlen kann, dass der Partner Einlassungen machen, fragen, antworten oder kommentieren möchte. Von besonderer Art ist hier die Ausführung von Beidhandgebärden: mit der eigenen Hörerhand kann er die unter ihm liegende (aber ruhende) Sprecherhand seines Partners in die Gebärde einbeziehen (z.B. als "Erfolgshand": der eigene Finger stellt das Messer dar, der Zeigefinger des Partners das "Schneidegut"), und zwar sowohl bei symmetrischen als auch bei unsymmetrischen Beidhandgebärden (z.B. Brötchen, Haus, schneiden, Fleisch etc.).

Gefühltes Einhandgebärden

Sehr erfahrene und begabte gebärdensprachlich kommunizierende Menschen können auch mit jeweils nur einer Hand miteinander kommunizieren - hier ist beim Sprecher-Hörer-Wechsel logischerweise ein Handwechsel nötig. Bei dieser Form können beide Partner nebeneinander sitzen - wie es manchmal bei Vorträgen z.B. nicht zu umgehen ist. Wenn sich links und rechts von der taubblinden Person jeweils ein Dolmetscher befindet, dann können sich diese schnell beim Übersetzen abwechseln.

Antworten ohne Körperkontakt

Wenn der taubblinde Mensch um die Sehfähigkeit seines nicht behinderten Partners weiß, dann ist es für ihn nicht unbedingt notwendig, im Handkontakt zu gebärden. Allerdings schätzen es viele taubblinde Menschen, wenn der Kontakt der Hände während des gesamten Gespräches aufrecht erhalten bleibt - so können sie die Verfügbarkeit und Aufmerksamkeit ihres Partners ständig absichern. Der sehende Partner muss natürlich seine Botschaften an die taubblinde Person immer im Handkontakt übermitteln.

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Interpunktion, Neubildungen:

Bedeutung tragende Aspekte der Mimik wie das fragende Hochziehen der Augenbrauen, das Runzeln der Stirne etc. - also die nicht-manuellen Elemente der Gebärdensprache - können verständlicherweise nur sehr schwer direkt taktil übertragen werden. Hier müssen die Hände zusätzliche Funktionen übernehmen bzw. mimische Aspekte in Worte "übersetzt" werden. D.h. dass sich die grammatikalische Struktur der DGS beim taktilen Gebärden verändert: eine eigene "Taktile Gebärdensprache" (vgl. J. Mesch 2001) entsteht.
Bei Menschen mit Gebärdensprache als Erstsprache ist das auf visueller Ikonizität (Ähnlichkeit) basierende System der  Bezeichnungen von Bedeutungen meist erschlossen; der vorhandene Gebärdenwortschatz kann also weitgehend bestehen bleiben.
In einer anderen Problemsituation befinden sich hörsehbehindert oder taubblind geborene Kinder.

Zum Taktilen Gebärden mit taubblind geborenen Kindern

Hörsehbehindert oder taubblind geborene Menschen müssen zwangsläufig von Beginn ihres Lebens an mit Hilfe taktil-kinästhetischer Strategien - also durch Berührung und Bewegung - ihre dingliche und personale Umwelt erfassen und ordnen; sie sind auch bei der Entwicklung und Praxis des zwischenmenschlichen Austausches auf diese Sinne angewiesen.
Sie können nicht wie viele spätertaubte blinde Menschen auf eine natürlich entwickelte Lautsprache zurückgreifen; sie können nicht wie viele späterblindete hörgeschädigte Menschen auf Lautsprache oder auf eine visuell erworbene Gebärdensprache aufbauen. Sie haben meist auch keine Verbindungen zu Menschen, die aufgrund des Usher-Syndroms taubblind geworden sind und ihnen mit der Taktilen Gebärdensprache ein natürliches Sprachmilieu anbieten könnten.
Das taubblinde Kind und seine Partner betreten also weitgehend Neuland, wenn sie sich zusammen auf den Weg machen, um die Wirklichkeit mit Hilfe eines taktil-kinästhetischen sprachlichen Repräsentationssystem abzubilden und sich auf diesem Wege auszutauschen.

In dieser schwierigen Situation sind es im wesentlichen folgende Aspekte, die für den Aufbau einer taktilen Verständigung wichtig werden:

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Die Monologposition bei taubblind geborenen Kindern

Beide Hände des jeweiligen Zuhörers liegen auf denen des Sprechers; bei einer Veränderung der Sprecher-Hörer-Relation müssen alle Hände ihre Position wechseln.

Wenn also jeder der beiden Partner zwar unter den Händen des Partners, aber mit seinen eigenen Händen und Armen in seinem eigenen Gebärdenraum bzw. an seinem Körper gebärdet, dann müssen beide Partner wissen, dass sich eine solche Mitteilung sowohl auf den Sprecher als auch auf den Hörer beziehen kann. Der taubblinde Partner  sollte verstanden haben, dass sich die Frage: "Was möchtest Du essen?", die im Gebärdenraum des Fragenden gestellt wird, auf einen Vorgang bezieht, der sich an seinem eigenen Körper  ereignet. Er muss um die Bedeutung der bezugnehmenden Gebärden "Ich" und "Du" wissen.

Vorteile:

Nachteile:

Die Dialogposition bei taubblind geborenen Kindern

Wenn beide Kommunikationspartner jeweils eine Sprecher- und Hörerhand haben, brauchen sie beim Sprecher-Hörer-Wechsel keinen Handwechsel zu vollziehen. Auch unsymmetrische Beidhandgebärden können leicht gebildet und abgefühlt werden, da bei ihrer Bildung die Zuhörerhand einbezogen wird. Erfahrungen in der Praxis haben gezeigt, dass diese Position von kompetenten gebärdensprachlich kommunizierenden Menschen schnell übernommen und verstanden werden kann. Bei Gebärden, die eine Richtung betonen wie "fahren", laufen, schwimmen", etc., können die seitlichen Räume zwischen den beiden Gesprächspartnern in Anspruch genommen werden.

Vorteile:

Nachteile:

In Gesprächen mit verschiedenen Kolleginnen hat sich gezeigt, dass keine einheitliche Auffassung über eine "richtige" Form des Taktilen Gebärdens besteht. Die amerikanische Taubblindenpädagogin Marianne Riggio (persönliche Mitteilung 2001) meint, dass dem Kind zunächst die Monologposition, und erst später die Dialogposition angeboten werden soll. Nicht so die belgischen KollegInnen vom Institut Spermalie in Brügge (persönliche Mitteilungen 1998, 2003). Sie glauben, dass durch Gebärden mit Handwechsel, also durch die Monologposition,  die Gefahr entstehe , dass der kompetente Erwachsene die Kommunikation zu stark kontrolliere.

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Geführtes Gebärden

Viele Partner taubblinder Menschen neigen dazu, deren Hände zu umfassen und sie zu führen. Dieses Vorgehen wird auch auf das Angebot von Gebärden übertragen: Die Gebärden werden mit den Händen des taubblinden Partners an dessen Körper und in dessen Gebärdenraum ausgeführt. Mit diesem vermeintlich sichersten und einfachsten Zugang verstellen wir den taubblinden Menschen aber oft den Weg, ein ihren Fähigkeiten entsprechendes kommunikatives Niveau zu erreichen.

Beim Geführten Gebärden können eine Reihe von Problemen entstehen, die das Entstehen eines befriedigenden zwischenmenschlichen Austausches erschweren.

Ganz offensichtlich wird dies bei der Betrachtung des dialogischen Charakters eines in dieser Weise geführten Gesprächs. Wenn, wie es häufig der Fall ist, die Hände des taubblinden Partners auch bei seiner Antwortgabe unterstützt (geführt) werden, oder die entsprechende Reaktion mit physischer Hilfestellung auf den Weg gebracht wird, dann ist da wenig echter dialogischer Austausch vorhanden.

(Anmerkung: Viele Pädagogen lehnen diese Art sprachlicher Korrektur gänzlich ab und beschränken sich auf das gute Vorbild - wie es auch bei der natürlichen Lautsprachentwicklung nicht behinderter Kinder üblich ist. Lediglich unter dem Aspekt der Übung - vergleichbar vielleicht den Artikulations-Übungen bei hörgeschädigten Kindern - hat diese Form einen legitimen Ort in der Förderung taubblinder Menschen .)

Die Sprecher-Hörer-Reaktion bleibt nicht nur undeutlich - sie ist oft gar nicht vorhanden. Die Einseitigkeit solcher Kommunikationsakte - der norwegische Psychologe Bertil Bjerkan (1997) nennt sie "one-way-communication" - kann auch dadurch entstehen, dass die taubblinden Partner meist nicht in der Lage sind, ihrerseits die Hände ihrer Partner zu führen.

Weiterhin ist oft zu beobachten, dass sich der rechtshändige nicht behinderte Partner beim unterstützenden Modellieren der Äußerungen der taubblinden Person auf deren linke Hand konzentriert, einfach weil diese sich bei einer natürlichen Gesprächssituation gegenüber seiner rechten aktiven Hand befindet. Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werden, dass die Händigkeit eines Menschen, der in besonderer Weise auf die Funktionen seiner Hände angewiesen ist, unbedingt berücksichtigt werden sollte.

Ein weiteres Problem betrifft das Gebärden-Verständnis. Wenn eine Gebärde mit den Händen des taubblinden Partners ausgeführt wird, und er dann auch noch bei seiner Antwort oder Reaktion unterstützt (geführt) wird, dann braucht das Verständnis gar nicht mehr überprüft zu werden - der  sozial kompetentere Partner stellt und beantwortet sich seine Fragen selbst. Das kann nicht Ergebnis eines Kommunikationsangebotes sein.

Beim Geführten Gebärden wird auch leicht versäumt, den taktil-kinästhe-tischen Ursprung und somit die Bedeutung der Gebärde mit dem Partner zusammen zu entwickeln bzw. zu verhandeln. Die Bewegung wird oft nur durch die zeitliche Nähe mit dem Ursprungsereignis in einen Bedeutungszusammenhang gestellt. Der Umfang solcherart "ankonditionierter"  Gebärden ist meist begrenzt; Verwechslungen beim aktiven Gebrauch sind häufig.

Wenn wir vor allem Menschen mit wenig Eigeninitiative und stark eingeschränkten kognitiven Voraussetzungen das Geführte Gebärden anbieten, so sollten wir ihnen dabei selbstverständlich den Weg zu einer dialogischen Verständigung offen halten: das heißt z.B. genügend Zeit zu geben für (alle Arten von) Antworten, das heißt für den taubblinden Partner wichtige Themen aufzugreifen oder anzubieten etc.

Eine gute 'technische' Voraussetzung kann hier die Dialogposition bieten, bei der die Antwort des Partners schon durch dessen Handstellung als "Sprecherhand" quasi vorgegeben ist (und bei welcher der kompetentere Partner durch vorsichtiges Modellieren dieser Sprecher-Hand die Antwortgabe ein wenig unterstützen kann).

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Touch clues, Body signs, The Canaan Barrie 'On Body' -Signs

In Australien wurde von Sandy Joint (1998) ein System der Übermittlung von Botschaften entwickelt, bei dem nicht etwa die Hände geführt werden oder unter den Händen gebärdet wird, sondern bei dem der Hinweis, die Gebärde direkt auf den Körper des taubblinden Partners "gemalt" wird. S. Joint bezeichnete diese Form als "body signing" bzw. die Bedeutungselemente als "touch clues". Mary Lee und ihre Mitarbeiterinnen entwickelten in Grossbritannien ein ähnliches System: die "The Canaan Barrie ‚On Body' Signs" (2005). Hierbei gleitet der kompetentere Partner mit seinen Händen unter die Hände des Kindes und führt die zu erlernende Geste / Gebärde am Körper des Kindes aus. Die Händigkeit des Kindes wird dabei beachtet: der rechtshändige Partner führt Einhandgebärden mit seiner linken Hand unter der rechten Hand des rechtshändigen Kindes aus. Das Kind kann diese Gesten / Gebärden übernehmen, indem es sie unter den Händen des Partners oder ohne Partnerkontakt an seinem eigenen Körper wiederholt.

Auch hier ist zunächst keine  Mitarbeit des taubblinden Partners nötig. Von Vorteil kann es hier sein, dass dem taubblinden Partner auf diese Art und Weise eine Mitteilung durch eine Geste oder eine Gebärde ohne Zuhilfenahme seiner Hände gegeben werden kann.

Dass dies wichtig ist wird uns deutlich, wenn uns wir uns vergegenwärtigen, wie sich uns Vollsinnigen ein Begriff einprägt: durch Gestik und Mimik, durch Mundstellung, durch ein Bild, ein Piktogramm, ein Schriftbild, durch unser Gehör und durch unsere eigene Artikulation beim Sprechen. Die ungeheure Reduktion der Wahrnehmung auf wenige Sinneskanäle führt vor allem zu einer Verarmung der Möglichkeiten, die Umwelt und Geschehnisse mit mehreren Sinnen gleichzeitig, also simultan wahrzunehmen. Wir sehen und fühlen und sprechen und hören und riechen gleichzeitig. Ein taubblinder Mensch kann das meiste nur nacheinander erleben.

Durch direkt am Körper ausgeführte Berührungsreize oder auf den Körper "gemalte" Gebärden kann eine gerade mit den Händen beschäftigte taubblinde Person gleichzeitig einen Auftrag empfangen, es kann trotz Beschäftigung der Hände ein Kommentar erfolgen, oder es wird ein Gegenstand oder eine Aktivität benannt. So wird es auch möglich, dass sich eine dritte Person in ein Gespräch einmischt.

Allerdings ist eine differenzierte Verständigung ausschließlich mit Hilfe von Body signs / Touch clues  / On-body signs eine differenzierte Verständigung nur schwer vorstellbar: Nicht alle Gebärden sind auf diese Weise übertragbar; es fehlt der Gebärdenraum, da ja alle Gebärden am Körper des Partners ausgeführt werden müssen. Es mag auch schwierig für den taubblinden Partner sein, das System aktiv anzuwenden, also seinerseits am Körper seines Partners Touch clues / Body signs auszuführen - die Verständigung droht deshalb einseitig zu bleiben. Außerdem stimmt bedenklich, dass unsere taubblinden Partner unseren Berührungen ausgeliefert sind - sie können sich psychisch nicht auf Ort und Zeitpunkt der Berührung einstellen.

Zusammenfassung und Ausblick

Bei genauerer Betrachtung des Themas "Taktil gebärden" ergibt sich eine Reihe von Aspekten, die noch weiterer Erforschung bedürfen. Es stellt sich unter anderem z.B. die Frage, ob beim Angebot der verschiedenen aufgezeigten Formen des taktilen Gebärdens folgende Faktoren zu berücksichtigen sind:

Welche Position der Hände auch immer zu welcher Situation am besten passt, welche Form des Taktilen Gebärdens den jeweiligen Anforderungen am ehesten gerecht wird - dies zu überprüfen und zu entscheiden kann nur dann gelingen, wenn Partner und Lehrer der taubblinden Menschen über alle bestehenden Möglichkeiten informiert sind  und sie vor allem auch anwenden können.  Mit der vorliegenden Broschüre möchten wir interessierten Kolleginnen und Kollegen auf der Grundlage des uns derzeit zur Verfügung stehenden Wissens einen Einstieg in die verschiedenen Arten und Techniken des Taktilen Gebärdens ermöglichen.

Ansprechpartnerin:
Hanne Pittroff,
Blindeninstitutsstiftung Würzburg
Ohmstr.7
97076 Würzburg
Taubblind-Wbg@Blindeninstitut.de  oder 
Hanne.Pittroff@Blindeninstitut.de

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Literatur zu diesem Thema:

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