Literatur

Ein Weg zur besseren Kommunikation: Bezugsobjekte

Hilke Klostermeyer, Hannover
Maria Rascher-Wolfring, Würzburg

Bei der Annäherung an das Thema stützen wir uns einerseits auf einschlägige Fachaufsätze zum Thema aus Deutschland sowie auf aktuelle Veröffentlichungen aus England und andererseits natürlich auf unsere Erfahrungen im täglichen Umgang mit Bezugsobjekten.

Was sind Bezugsobjekte?

Es finden sich im Deutschen mehrere mehr oder weniger synonym verwendete Bezeichnungen:

Neben dem Begriff „Bezugsobjekt“ (des weiteren abgekürzt „BO“) werden auch Bezeichnungen wie „Referenzobjekt“, „Verweiser, „Objektsymbol“, „Platzhalter“, „Antizipationsobjekt“, „Ankündigungsgegenstand“ oder einfach nur das Wort „Zeichen“ benützt.

Jedoch reduziert z.B. der Begriff „Antizipationsobjekt“ die Funktionen von BO auf einen einzigen Zweck, nämlich auf den der Antizipation seitens des Kindes.

Tatsächlich werden unter 4) weitaus mehr Funktionen von BO aufgezeigt werden.

„Objektsymbol“ fokussiert unseres Erachtens zu sehr auf BO mit Symbolgehalt. Oftmals sind es doch aber gerade zu Anfang Realgegenstände die als BO zum Einsatz kommen.

Wir werden im Folgenden uns auf den Begriff BO beschränken.

 Die nachfolgende Definition ist der Versuch einer Synthese des Gedankengutes verschiedener Autoren, v. a. von Keith Park (Sense, London) und aus St. Michelsgestel: 

Bezugsobjekte ist eine Bezeichnung, die den Gebrauch von Objekten als Kommunikationsmittel beschreibt.

Objekte, genau wie Wörter, Gebärden und Symbole,  können die Dinge repräsentieren und charakterisieren oder auf sie hinweisen, über die wir alle kommunizieren: Aktivitäten, Ereignisse, Leute, Ideen usw.

Bezugsobjekte sind oftmals „ein Stück abgebrochene Wirklichkeit“, d. h. ein Teil des Ganzen („pars-pro-toto-Prinzip“).

Rückblick

Gemeinhin wird der Einsatz von Bezugsobjekten auf Jan van Dijk (ab Mitte der 60er Jahre) zurückgeführt. Als Teil der „Van-Dijk-Methode“ hielten Bezugsobjekte sukzessive Einzug in die Taubblindenschulen quasi weltweit. Van Dijks Ansatz baut wiederum auf der Arbeit der Entwicklungspsychologen Heinz Werner und Bernard Kaplan auf.

Mittlerweile haben BO als Kommunikationsmittel Eingang gefunden in viele Bereiche  außerhalb der Taubblindenpädagogik, z. B. in die Pädagogik für mehrfachbehinderte Sehgeschädigte, die Geistigbehindertenpädagogik, die Förderung von Menschen mit Autismus; selbst Schlaganfallpatienten und Alzheimerpatienten profitieren heutzutage teilweise von dem Einsatz von Bezugsobjekten. 

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Voraussetzungen seitens des Kindes für den Einsatz von BO

Bedeutung und Funktionen von BO

Bezugsobjekte können eingesetzt werden, um eine Person, ein Ereignis oder eine Gesamtsituation anzukündigen, z.B. dem Kind werden die Turnschuhe gezeigt und der Gang zur Turnhalle wird angetreten.

BO werden kommunikativ eingesetzt, d.h. nicht nur wir teilen damit dem Schüler etwas mit, sondern der Schüler kann damit seine Wünsche und Gedanken äußern. Holt ein Schüler beispielsweise seinen Turnschuh aus seinem Regal oder Fach können wir das als den Wunsch interpretieren, zum Turnen gehen zu wollen. Wir können es aber auch als Wunsch interpretieren, um mit uns über das Turnen von gestern zu sprechen und uns zu sagen, das es schön war oder was er alles gemacht hat. Eine andere Möglichkeit wäre noch, dass der  Schüler uns mitteilen will, dass er heute nicht zum Turnen gehen möchte.

Die zunehmende Abstrahierung der BO kann bis zum Erlernen des Lesens und Schreibens gehen.

Weitere Bedeutungen von BO sind:

Wie fange ich an? – Vorgehensweise beim Einführen erster BO

Ansetzen sollten wir unbedingt bei den Interessen des Kindes.

Erste Bezugsobjekte sollten Realgegenstände sein; diese Realgegenstände werden in die Lieblingsaktivitäten/-Situationen mit eingebracht und einbezogen oder besser noch: sind von vornherein integraler Bestandteil der Aktivität/Situation. Ein beliebtes Beipiel ist die Aktivität/Situation bzw. das Ereignis „Schwimmen gehen“ (vorausgesetzt man hat ein Kind vor sich, das wassergewöhnt ist und wirklich gerne Schwimmen geht). Durch die für das Kind mit positiven Emotionen besetzten und mit Bewegung/Handlung verbundenen Aktivitäten/Situationen stehen bei Auswahl eines geeigneten BO die Chancen gut, dass ein Bezugsobjekt als Kommunikationsmittel „funktioniert“ (natürlich in Verbindung mit anderen Kommunikationsformen wie Körpersprache, taktiles Gebärden und/oder Lautsprache). Günstig ist auch, zumindest anfangs, die BO an das Kind heranzutragen, um dem Kind deutlich zu machen, wozu es seine Lage, seinen Standort, seinen Sitzplatz, seine momentane Aktivität verlassen soll.

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Auswahlkriterien für BO

(Erste) Bezugsobjekte sollen für das Kind bedeutungsvoll  und konsistent (d. h. eindeutig) sein, konsequent angewendet werden und häufig eingesetzt sein. Beliebt ist für die Aktivität/Situation „Schwimmen gehen“  der Einsatz des Schwimmanzugs bzw. der Badehose als BO, manchmal auch eine Badekappe (aber: Trägt das Kind überhaupt regelmäßig ein Badekappe beim Schwimmen?). Denkbar ist aber auch eine Schwimmtasche oder ein Schwimmbeutel als BO oder irgendein anderes Utensil, das die besondere Aufmerksamkeit des jeweiligen  Kindes erregt. Ein Handtuch ist dagegen kein geeignetes BO für die Aktivität/Situation „Schwimmen“ gehen, da Handtücher nicht ausschließlich hierbei benützt werden.

BO „von der Stange“ sind keine ideale Lösung; BO sollten maßgeschneidert für ein Individuum eingesetzt werden, zumindest anfangs. So kann auch ein Schwimmflügel, ein Schwimmgürtel, eine Schwimmnudel oder irgendeine andere Schwimmhilfe für ein Kind besonders attraktiv sein. Sorgfältige Beobachtung tut Not.

BO entwickeln sich oft erst im Laufe der Zeit bei einer bestimmten Aktivität oder in einer speziellen Sitiation. Dies ist ein Prozess, der bei einigen Kindern mehr, bei anderen weniger Zeit braucht.

Auch muss man darauf achten, dass das BO vom Material her weder auf  (taktile) Abwehr stößt noch solch einen Reiz ausübt, dass dessen Einsatz eher kontraproduktiv ist.

Besonders bei blinden Kindern muss man sehr aufpassen: Einem blinden Kind beispielsweise vor dem Therapeutischen Reiten ein kleines Kunststoffpferdchen in die Hand zu geben und zu erwarten, das Kind könne die Brücke zu dem großen, felligen, warmen, lebendigen Wesen und dem Sitzen auf diesem Geschöpf schlagen, ist äußerst (und oft zu) viel verlangt! Vielleicht ist ein Büschel Mähnenhaare geeigneter, wenn sich das Kind zum Beispiel während des Reitens in der Mähne des Tieres festhält (das hätte evtl. sogar eine olfaktorische Komponente), oder die Reitkappe (falls das Kind regelmäßig eine trägt). Ockelford schlägt einen Steigbügel als BO vor (doch benutzen unsere Schüler in der Regel keine Steigbügel beim Reiten). Eine Möhre oder ein Apfel zum Füttern des Pferdes als BO wäre wiederum nicht eindeutig genug; z. B. nehmen unsere Schüler auch manchmal eine Möhre mit zu den Meerschweinchen oder Kaninchen während der so genannten „Zoowoche“; oder Möhren und Äpfel finden beim Kochen und Backen in der Gruppe Verwendung.

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Weiterentwicklung der BO

(sukzessive Abstrahierung bis zur Schwarz- oder Punktschrift)

Hat ein Kind die Bedeutung eines Objektes sicher verstanden, dann können die Objekte reduziert und vereinfacht werden.

Gegenstände können verkleinert werden oder es werden die Merkmale des Gegenstandes, die für den Schüler besonders bedeutsam sind, herausgenommen. Spielt das Kind beispielsweise immer mit dem Henkel der Tasse, die für Trinken angeboten wird, dann kann der Henkel für die Tasse stehen.

Wichtig ist, dass wir das Kind genau beobachten, welches Merkmal eines Gegenstandes bedeutsam ist.

Vorgehensweise bei blinden Kindern:

Vorgehensweise bei Kindern mit Sehbehinderung:

Anwendungsbeispiele für den Einsatz von BO
  1. Bezugsobjekte (oftmals Realgegenstände, z. B. gesammelt in einer Kiste) werden einzeln dem Kind vor dem Beginn einer (Lieblings-)Aktivität gebracht oder für das Kind in ein speziell dafür vorgesehenes Fach gelegt
  2. Stundenplan/Tagesplan als Leiste oder Regal
  3. Wochenplan mit Charakterisierung der Wochentage
  4. Charakterisierung von Monaten
  5. Darstellung des Jahresablaufs/Feste und Ereignisse im Jahreskreis mit Hilfe von Ereignistonnen oder -kästen
  6. Charakterisierung von Lebenszeit, z. B. in Form von Geburtstagsleisten (Darstellung des Größerwerdens mit individuellen Geburtstagsleisten)
  7. Wunschkisten (nur BO anbieten, deren dahinterstehende Aktivitäten auch zu erfüllen sind!)
  8. Entscheidungsboxen (Auswahl zwischen 2 BO für verschiedene Aktivitäten).
  9. Heimfahrtkalender
  10. Darstellung der Zeitdauer von oder bis zu besonderen Ereignissen
  11. Erinnerungsschachteln und –kästen, u. a. zum Kommunizieren über Vergangenes
  12. Tagebücher oder Ereignisbücher
  13. Charakterisierung von Personen
  14. Charakterisierung von Orten
  15. Aufgebracht auf die Oberfläche von Sprechcomputern („Talkern“)
  16. Kommunikationstafeln oder –bücher

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Schlussbemerkungen

Für die Arbeit mit taubblinden Schülern  halten wir die Bezugsobjekte für ein wichtiges Mittel der Kommunikation. Als stabiles System ist es immer (be-)greifbar und auch dann noch von Bedeutung, wenn schon Gespräche mit (taktilen) Gebärden geführt werden können (auch wir benutzen neben dem flüchtigen System der Lautsprache das stabile System Schrift).

BO bieten beträchtliche Möglichkeiten; die Herausforderung ist, dass sie den individuell höchst unterschiedlichen Kommunikationsbedürfnissen und –fähigkeiten  unserer Klientel Rechnung tragen müssen.

Ein Schwachpunkt scheint die mangelnde Konsequenz im Einsatz dieses Kommunikationsmediums zu sein. Die Erfahrung lehrt, dass BO ofmals im Kindergarten und in der Schule zum Einsatz kommen, nicht aber im Elternhaus. Professionelle bedienen sich eher dieses Mediums. Woran mag das liegen, zumal ein Theoriedefizit für den Einsatz von BO fest zu stellen ist? Es gibt kaum wissenschaftliche Forschung zu dem Thema.

Eigentlich sind wir sehr auf unsere Intuition angewiesen, wenn es um die Frage geht, ob sich BO als  Kommunikationsmittel  für ein bestimmtes Kind eignen. Woran bemisst sich des weiteren der Erfolg? Wie lange gibt man einem Kind, bevor man BO sukzessive abstrahiert oder bevor man ein Scheitern eines Abstrahierungsversuches vermutet (->Fragen der Evaluation).

Überhaupt werden BO zuweilen recht unreflektiert eingesetzt. Die Schüler benötigen beispielsweise genügend Zeit die Objekte zu erkunden, ein flüchtiges Umhängen genügt nicht.

BO können auch ein sehr sperriges System darstellen. Kann ich zum Beispiel alle eigentlich nötigen oder wünschenswerten BO für alle Kinder mit ins Schullandheim nehmen? Was ist überhaupt mit dem Gebrauch außerhalb der Schul- und Wohngruppe?  Weder ich noch das Kind können immer einen Sack mit BO mit uns führen. Und was passiert, wenn ein BO verloren geht und kein gleichartiger Ersatz aufgetrieben werden kann?

BO sind auch in die Kritik geraten, weil sie teilweise zu rigide und einseitig in der Kommunikation benutzt wurden und werden. Körpersprache, Interaktion und Kommunikation über gemeinsames Tun, (taktile) Gebärden, Lautsprache  -  das ganze Spektrum muss im Blick bleiben. BO ersetzen all diese Kommunikationsformen nicht, vielmehr stellen sie für sehr viele Kinder eine wertvolle Ergänzung ihrer kommunikativen Möglichkeiten dar. Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn sich Kommunikation auf Austausch von Bezugsobjekten reduzieren würde ... .

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Literatur

Adam, Heidemarie (2. Aufl. 1996): Mit Gebärden und Bildsymbolen kommunizieren. Voraussetzungen und Möglichkeiten der Kommunikation von Menschen mit geistiger Behinderung. Würzburg (edition bentheim).

Best, Tony u. Boothroyd Eileen (Hrsg.) (1998): Objects of Reference. Report of the exploratory meeting. 5-7 June 1998, UK.

Dijk, Jan P. M. van, Timmermann, G., Coninx, F., Goossens, W. (1988): Opvoeding van en onderwijs aan doof-blinde kinderen volgens de „Van Dijk-methode“ (übersetzt von Monika Verdoes-Spinell 2/1989: Erziehung und Unterricht von taubblinden Kindern nach der „Van-Dijk-Methode“). In: de Vriend, maart 1988.

Lemke-Werner, Gudrun (2000): Bezugsobjekte - ein Weg zum besseren Verständnis alltäglicher Zusammenhänge und eine Möglichkeit, mit anderen zu kommunizieren.: Hörgeschädigte Kinder 37, 2/2000

Ockelford, Adam (3rd  & revised edition 2002): Objects of Reference. Promoting early symbolic communication. Royal National Institute for the Blind, London.

Park, Keith (2002): Objects of Reference in Practice and Theory. Sense, London.

Pittroff, Hanne. (2000): Bezugsobjekte in der Förderung von Kindern und Jugendlichen ohne Lautsprache. In: Fischer, E. (Hrsg.): Pädagogik für Kinder- und Jugendliche mit mehrfachen Behinderungen. Verlag modernes - lernen - Dortmund.

Sopers, Maria R. (1971): Das taubblinde Kind. Taubblindenabteilung St. Rafael des „Instituut voor Doven" in St. Michielsgestel in den Niederlanden. Unveröffentlichte Übersetzung aus dem Englischen von Ekkehard Roth, Bildungszentrum für Taubblinde, Hannover.